an alle, die sich derzeit mit dubiosen zugriffen an meinem blog zu schaffen machen, sei gesagt: hier gibt es nichts zu holen!
nur das wort, die liebe zur lyrik!

regenlicht


durchquert den tag
von sense zu sense
dengelt sich
ein ton der unruhe


Gabriele Pflug

der stand der dinge


ein vom regen
hinterlassenes grün
in teichen, pfützen, pflanzen
stimmen, innerster singsang
im versunkenen gras
vereinzelte hufabdrücke
von sommerpferden, wildlaunig
ihr haar und versprengte herzschläge

der wald ist heute ohne vorhang
weite sicht in richtung mittag
luftleicht leben
im rhythmus des lidschlags
überweist der himmel sein blau
an gebrochenen herzen
Gabriele Pflug

gehen III


eines tages wirst du
mehr und mehr anker lichten
durch deine finger wird
licht flirren der wind
dich von den küsten
immer weiter lösen
und das wort himmel
wird vor dir ins meer fallen
Gabriele Pflug

kindheit


kindheit:
wälder und flussgrün
über den feldern
aufgefädelte sonnenstunden
unter der sense der ton
des fallenden grases
brotzeit und erdäpfelkraut

schon früh treten
die toten in sein leben
bleiben bei tisch
mit freundlichem blick aufs kind
es rückt den stuhl näher
und weiß ihren schutz
in den nächten
wenn die sterne fallen
wenn die toten den zeigefinger
zum mund führen
und die stille ankündigen
beginnen sie zu tanzen
mit offenem haar

es gibt keine räume mehr
nur helle weiten
von wind umzäunt


Gabriele Pflug

 
 
 

 

nicht viel


vielleicht eine lichtung
inmitten abgedunkelter räume

einen unverstellten blick
auf die taumelnde zeit

vielleicht ein gedicht, gewachsen
aus dem mangel an worten
Gabriele Pflug

eines morgens


hat es sich ausgeträumt
das bittere des kaffees
ist wirklichkeit geworden
die welt
ist ins gedicht gestiegen
hat sessel
und tische umgeworfen
und das brot
hart gemacht
bücher wurden
von den stellagen gefegt
die seiten herausgerissen
wie abgestorbene flügel
liegen sie im staub
die liebe räumt
nicht mehr auf
sie hat sich
aus den zeilen gestohlen
und ist bereits
auf der flucht


Gabriele Pflug

gehen II


angedachte weiten: breit gewürfelte weizenfelder
manchem wächst der schwarze schlaf des mutterkorns
niemandes mund mehr den deinen nennen
nur noch umrisse von sätzen anderer
vorwurfsworte, blass und bleiche
bruchstücke eines vermeintlich ganzen
etwas zittert, fern
ein licht wie glas
leises klirren von wind in den halmen
Gabriele Pflug

gehen I


lied des hohen sommers
von den feldern her
simmern die kerne des weizens
aus den bäumen
fällt das echo der störche
und in bienenstöcken
werden sonnen gewebt

du wirst das haus deines freundes
nicht mehr betreten
der staub des himmels
wird in die poren dringen
in deine augen
die zu tränen gerührt
 
Gabriele Pflug

stille



wie das blatt sich neigt
als auch der mensch
dem abend zu, dem erdhauch
ins beharrliche schweigen
aus lichtbrüchen und tiefen atemzügen
in denen der tag immer mehr
seine stimme verliert
 
gabriele pflug

während ich hier sitze und schreibe

fällt kretischer wind ein
salzgeruch aus geschichteten erinnerungen
würzt blauen hochsommer
über kuppen jagen ginsterhorden

ich glaubte zu wissen
es stehe sich schwindelfrei
auf der höhe des lebens
vor meinen füßen das meer
und alle antworten schwammen
im braunen auge des metaxas
indes zikadengesang
den himmel verbrannte

und während ich hier sitze und schreibe
wachsen birkenarme um mein haus
setzt das jahr seine zeit auf halbmast
kehren abends die bleichen namen heim
und ich teile mit ihnen teller und stuhl



Mit diesem Gedicht verabschiede ich mich in eine vorgezogene Sommerpause.
Sehr herzlich möchte ich mich bei allen Leserinnen und Lesern bedanken. Es tut gut, zu wissen, dass meine Gedichte mit viel Respekt und Freude gelesen werden.
Dafür gilt mein ganz besonderer Dank!

Gabriele Pflug

im aufsteigenden licht


wenn der morgen sich aufblättert
mit den immer gleichbleibenden hügeln
ihren kronen aus fichten und tannen
den straßen, die dahin und dorthin führen

mit denselben schatten
die langsam von der mauer
des verlassenen hofes gleiten
in dem eulen wohnen
und unsichtbar die bauersleute
durch das fenster auf mich blicken
dann vermeine ich
etwas neues verberge sich
im aufsteigenden tageslicht


gabriele pflug

 

wortreich

wenn du das buch öffnest
erwacht der herzschlag der wörter

farben und gerüche wachsen
in deinen augen
knospet die welt
 
 
 
gabriele pflug
 
 
 
 

große kleine liebe

es herrscht nacht
und die liebe ist weit weit fort

noch geht die zeit nicht gegen morgen
noch weht sternlicht ans fenster

und ich warte und zähle die schritte
die du brauchst und die liebe
wird immer größer und größer
bis mein kopf schmerzt

doch mit den stunden wird sie
kleiner und kleiner sodass sie
endlich durch den türspalt passt


gabriele pflug

der himmel


ist ein notizblock
mit einträgen, bitten
und randbemerkungen

damit er nicht
verloren geht
bläue ich mir
seinen platz ein


© G.P. 2016 

morgenbild


das licht, das schräg auf die häuserzeile fällt, verströmt eine gewisse traurigkeit. immer noch anhaltender regen. er verglast die straßen, überzieht alles mit verwässertem grau. der himmel ist ein wolkenmeer. schornsteine ohne rauch. ein leerer morgen. ohne die bewegung eines menschen. wären wir nicht mehr, wer würde die traurigkeit des lichts erwähnen? wäre sie noch von bedeutung? vielleicht ist sie ein ausdruck unserer einsamkeit. ein stempeldruck auf durchscheinendem stoff. ein siegel, dass wir sind, für einen moment.
mit meinem finger tippe ich das bild an. grün zuckt der wald.


© G.P. 2016 

sommerland


wiesen breiten einen teppich vor dir aus
während du alles grün in dir aufnimmst
beginnen worte hin und her zu flattern
buchstaben nisten sich in zeilen ein
und das  gedicht entsteht ohne mühen
wie wind, der in dein haar greift

du weißt: für den rest des sommers
wirst du das herz einer schwalbe
bewohnen


© G.P. 2016 

frühlingsmelodie

alle fenster sind
nach süden geöffnet

der wind fegte schon
morgens den himmel licht

erste frühlingsworte
sonnen sich
in blanken spiegeln

und die blauen vögel,
diese unruhegeister,
weben luftige töne

© G.P. 2016 

mond


wie sich seine kühle
auf meine augen legt
für einen moment
ruht sie weiß in mir

hör ich ein flüstern
über dem wald, seine stimme
wendet mein herz
in die verlassenheit der dinge
himmelweise, nachts


© G.P. 2016 

Vertrauen


Als er Kind war, redete die Stimme der Mutter in ihm. Sein kleiner Mund blieb stumm.
Bald veränderten sich die Klangfarben der Wörter. Wurden schriller, höher, dann wieder dumpfer.

Er hörte auch andere Melodien. Das knarrende Geräusch eines rückwärts geschobenen Stuhls, das Pfeifen des Wasserhahns, das Klappern von Töpfen.
Diese Welt wurde seine Vertraute. Er konnte sich auf das Knarzen ausgetretener Dielenböden verlassen, auf den Nachhall zugeschlagener Türen, das regelmäßige Klopfen der Regentropfen an seine Fensterscheiben, den gleichbleibenden Gesang der Amsel.

In den Wörtern der Menschen witterte er schon früh den Verrat. Er hörte, wie die Sprache, je nach Stimmung sich verdunkelte oder erhellte.
Nicht mehr länger vertraute er der menschlichen Zunge.


© G.P. 2016