Die Nacht geht an

deine Gedanken sind näher
bei dir abseits des Lichts
tastest du anders nach den Dingen
dem Stuhl und Tisch entlang der Wand
fühlst du deine Angst indes dein Körper altert
mit jedem Schneefall werden die Ränder heller


Gabriele Pflug

Poesie der Natur VI


Weidenwuchs am Saum des Wassers
wohin der Schlaf mich führt
der Mond die Wellen kräuselt
pflücke ich Schneeblüten
aus eisiger Luft ist die Welt
verfangen im Geäst einer Januarnacht

Gabriele Pflug

Weiße Wildnis, nachts


nimmt erneut Schnee
Felder und Wiesen ein
erblindeter Mond und ich
nichts als blaue Schatten
auf vergänglichem Terrain
 
Gabriele Pflug

Einfallender Abend


Wolken fließen
in die Mündung des Abends

schlägt eine Glocke
hell den Ton

und in dir zerspringt
gläsernes Schweigen
 
Gabriele Pflug

Kind und blaues Pferd inmitten einer Winterlandschaft


hörst du nicht manchmal
das Kind und sein blaues Pferd
vom Schneehügel kommen

sag nicht
du seist schon erwachsen
und könntest sie nicht erkennen

die Zeit hat dich taub gemacht
doch die leisen Töne schlafen
zwischen den Kristallen
bis zur Kältewende

leg dein Ohr an die Schneehaut
atme stiller als die Stille
die aus dem Damals weht
im Winterwind warten sie

und blau und wild jagt
das Pferd unter dem Januarmond
 
Gabriele Pflug

zeilen an jemanden, der nicht (mehr) da ist


ich höre deine schritte, immer höre ich sie
auf der schwelle, die das leben teilt:
in innen und außen
deine nackten füße stecken fest
im fort und hier sein
morgens gehe ich durch dich hindurch
spüre warme luft eines körpers
im mauerwerk noch gerüche
nach heu und fell von tieren

ich kann die tür nicht mehr schließen
seit du hier stehst und gehst
zugleich


( für Anton, 24. 3. 2015)

Gabriele Pflug

von der sehnsucht 2


schaukelndes atmen überall hin
streift mein blick den himmel
zwischen den birken franst licht aus

fällt winterlich die zeit
aufs papier das wort
eine vererbte sehnsucht
weiter nichts wurde mir
in die wiege gelegt
Gabriele Pflug

Heimat


nasskaltes Erzittern
Atemstaub auf Nachttischen
ein Stern zwischen zwei Bäumen, fern
eine Lichtlinie

und dennoch:
im Schweren zuhause
 
Gabriele Pflug

Weihnachten 2016

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern
ein friedvolles und erfüllendes Fest!
Danke für die Lesetreue!

Herzlichst
Gabriele

von Eichen und nahendem Winter


die Eichen lehren es uns:
loslassen, von der Dunkelheit
sich nicht hinters Licht führen lassen

jede wirft ab
ihre grünenden Verse
dem Gedicht versagt sich
das Wort, winterlang
schläft es im harten Holz
 
Gabriele Pflug

Schatten


nicht, dass der Schatten
seinen Schmerz verloren hätte
doch immer seltener sinkt
er von den Bäumen
aus dem Holundergrau
mit einer Handvoll Trost

nun fällt er von den Menschen
an seinen Sätzen hängt
der Atem heißer Wörter
und übertönt was früher
leise zu meinen Füßen lag
 
Gabriele Pflug

frühe Stille


die Brache des Morgens
noch ungesät mit Worten
eine stille Insel
 
Gabriele Pflug

Advent


von der Hoffnung berührt
machen wir uns auf den Weg
die Abtei des Lichts öffnet ihre Pforte
und ein Schneewort nach dem anderen
wispert zu Boden

voll Rätsel bleibt die Sprache der Engel
 
Gabriele Pflug
 

Engel


versinkender Mond gegen Morgen hin
wendet sich die Stadt silberne Kuppen
im ausgeblichenen Blau ein letzter Flug
des Nachtengels sichtbarer dunkler Flaum
für einen Moment steht der Wind unbeweglich
über seinem lautlosen Wintergebet
 
die Übergabe der Namen an den Tagwächter
findet in aller Stille statt
 
Gabriele Pflug

an die Freundin


Wo noch Überlandleitungen
Nachrichten verschicken

ein Knistern von Wörtern
zwischen dir und mir

öffnet sich der Himmel manchmal
wenn wir sie entschlüsseln

Für Diana/meine Schreibfreundin
 
Gabriele Pflug

die unerträgliche Zeit


steigt an mein Herz
das Wasser Sterbender
lässt den Sommer ausbluten
und hinterlässt Scherenschnitte
voll Schatten
Gabriele Pflug
 
In Aleppo werden in Kellern Kinder und Erwachsene ohne Betäubung operiert.Wir schreiben das Jahr 2016.

Schneegestöber


aus Schwarzträumen schwingt Herzläuten
über die weiße Weite
wandert ein graugeschälter Himmel

durch den Linnenriss
fällt gezwirntes Licht

Gabriele Pflug

über die Sehnsucht


Anis und Kümmelkrümel gegen die Nachtgram
gegen die Augenbilder die aus den Höhlen
wachsen und keines ist des andern
Umarmung ich stähle mich gerne ein wenig
auf und davon über die Treppenschwärze

aus Schnee ist das Gemälde der Stille
die Pforte nach innen geöffnet
einflockende Sicht und Neumondstein
an der Lichterkette des Himmels
 
Gabriele Pflug

eine winterkarte aus klam



ein hügelbild: nichts eckiges
nur geschwungenes schweigen
nachts sind die gehöfte
verglühende sterne
im gefalteten schatten
blüht manchmal ein mond auf

jemand sagt die dunkelheit
sei ein wildes tier
das den schwermütigen
die haut vom leibe ziehe
sonst fällt kein einziges wort
in der kälte

werden gedichte
zu wegbeschreibungen
ihre spuren glitzern wie flügel
die gegen fröste schlagen
 
Gabriele Pflug

vor dem ersten frost


vielleicht sollte ich
meine gedichte einwintern

in der mulde des vergessens
wären sie sicher
vor dem zugriff des schmerzes
 
Gabriele Pflug