Engel


versinkender Mond gegen Morgen hin
wendet sich die Stadt silberne Kuppen
im ausgeblichenen Blau ein letzter Flug
des Nachtengels sichtbarer dunkler Flaum
für einen Moment steht der Wind unbeweglich
über seinem lautlosen Wintergebet
 
die Übergabe der Namen an den Tagwächter
findet in aller Stille statt
 
Gabriele Pflug

an die Freundin


Wo noch Überlandleitungen
Nachrichten verschicken

ein Knistern von Wörtern
zwischen dir und mir

öffnet sich der Himmel manchmal
wenn wir sie entschlüsseln

Für Diana/meine Schreibfreundin
 
Gabriele Pflug

die unerträgliche Zeit


steigt an mein Herz
das Wasser Sterbender
lässt den Sommer ausbluten
und hinterlässt Scherenschnitte
voll Schatten
Gabriele Pflug
 
In Aleppo werden in Kellern Kinder und Erwachsene ohne Betäubung operiert.Wir schreiben das Jahr 2016.

Schneegestöber


aus Schwarzträumen schwingt Herzläuten
über die weiße Weite
wandert ein graugeschälter Himmel

durch den Linnenriss
fällt gezwirntes Licht

Gabriele Pflug

über die Sehnsucht


Anis und Kümmelkrümel gegen die Nachtgram
gegen die Augenbilder die aus den Höhlen
wachsen und keines ist des andern
Umarmung ich stähle mich gerne ein wenig
auf und davon über die Treppenschwärze

aus Schnee ist das Gemälde der Stille
die Pforte nach innen geöffnet
einflockende Sicht und Neumondstein
an der Lichterkette des Himmels
 
Gabriele Pflug

eine winterkarte aus klam



ein hügelbild: nichts eckiges
nur geschwungenes schweigen
nachts sind die gehöfte
verglühende sterne
im gefalteten schatten
blüht manchmal ein mond auf

jemand sagt die dunkelheit
sei ein wildes tier
das den schwermütigen
die haut vom leibe ziehe
sonst fällt kein einziges wort
in der kälte

werden gedichte
zu wegbeschreibungen
ihre spuren glitzern wie flügel
die gegen fröste schlagen
 
Gabriele Pflug

vor dem ersten frost


vielleicht sollte ich
meine gedichte einwintern

in der mulde des vergessens
wären sie sicher
vor dem zugriff des schmerzes
 
Gabriele Pflug

trostgedicht für mich (besonders heute)


lass mich taumelnd fallen
in ein bild voll schnee
unter dem winterhimmel
atmet licht
ein meer aus eis
 
Gabriele Pflug

raubzug


vollen munds
begehen wir landraub
und fühlen uns
bedroht
von so viel
armut
 
Gabriele Pflug

der himmel in uns


es wird wieder winter sein
rauchzeichen aus mündern
und verdunkeltem blick

unmittelbarer der gedanke
an tod seine gedeckten farben
aus moder und dunst

doch sind die nächte
umsäumt von deinen worten

hell zeichnen sie
den himmel nach
 
Gabriele Pflug
 

allerseelen

die toten
wort für wort
beatmen

Gabriele Pflug

erntezeit


(für mo)

wenn die sprache
aus dem winterexil
in die welt wächst

schlafende verse
von den umklammerungen befreit

die pfauensonne
ihr rad übers papier schlägt
und tote winkel lichtet

werden wir worte ernten


Gabriele Pflug

man sollte nicht schreiben


man sollte nicht schreiben
in der umnachtung des schlafes

färbt die schwärze alle wörter
gebärden sich wie kleine mörder

nur über der senke
blüht schon erster schnee


Gabriele Pflug

himmel II


du schreibst dich
ins gedächtnis
der gräser, der bäume
eine ganze zeile füllst du
mit dem wort himmel

und dennoch bleibt
die finsternis
beständig hinter der tür
ein fühlbares schwarz
 
(aus der blauen reihe/himmelsgedichte)
Gabriele Pflug

herzenswünsche


von den albatrossen
die blaue losung erbitten

keine mitte anstreben heute
mit geschlossenen augen
das dunkle ausleuchten

gesprochene gedanken
nach glaubhaftigkeit abklopfen

die abgelaufene zeit
wieder händisch aufziehen

dem schnurren der rädchen lauschen
 
Gabriele Pflug

im licht des lebens


der wind, der über dem feld steht
die sterne, ihr wimpernschlag in der nacht
alle geschöpfe, behauste
und unsichtbare
führen uns zu uns
alle bäume und menschen, ihre sprache
im regen im licht alle worte
die trösten die wärmen, alle namen
schreiben sich in die haut am ende
füllen sie uns bis zum grund
Gabriele Pflug

eine liebe im herbst


du bist jene, die aus dem schatten stieg
heute morgen, schweigsam mit hellem kleid
und langem haar im vorübergehen
als hätte ein stern dich gestreift
blitzte deine gestalt, trugst etwas fremdes
vor dir her, schalen mit herbstfeuern
gerüche von äpfeln umspülten deine schritte
geheimnisvolle, dein lächeln galt nur mir
unruhig wurde mein herz, ein sturm kam auf
doch kein blatt bewegte sich unter deinem fuß
glimmte das feld ockerfarben wie deine haut

jetzt ein gedicht schreiben auf deine augen
die leise bewegung des arms
kaum hatte ich mich gefangen
hing noch ein duft von rosen
und harz im birkengeflecht
 
Gabriele Pflug

himmel auf papier


ein bogen papier
streift den himmel
und es beginnt
zu regnen, wörter

elemente des lebens
 
Gabriele Pflug

der gott meiner mutter


trägt einen langen bart
in dem sich die sünden
der abtrünnigen verfangen
seine augen sind hohl
von schrecklichen träumen

manchmal kommt
ihm schon was durcheinander
in die jahre gekommen, wie sie
hört und sieht er immer schlechter
kein wunder, dass die welt
solch ein tollhaus geworden


Gabriele Pflug

ohne titel/2


der morgen ist
eine sich aufblätternde welt
eine lichtbenetzte landschaft
durchzogen vom hahnenschrei
der längst als exilant
in den wäldern lebt

es soll noch menschen geben
die auf feldern nach worten schürfen
und sie an zweige hängen

für die träume
nachgeborener

Gabriele Pflug